Was hängen bleiben soll? Ein einfacher Test!

Was hängen bleibt, entscheiden immer die Zuhörer. Sie haben Ihre Chance im Vortrag. Aber sobald Sie fertig sind, haben die Zuhörer das Sagen. Auf die Frage: „Und? Was ist bei dir hängen geblieben?“ antworten immer die Zuhörer, nicht Sie. Und die Antwort ist immer aus der Sicht der Zuhörer formuliert – in einfacher, natürlicher Sprache. Finden die Zuhörer keine einfache Antwort, dann vereinfachen sie eben, notfalls radikal: „Das war mir viel zu kompliziert.“ Oder noch schlimmer: „Keine Ahnung!“

Die gute Nachricht ist: Diese Tatsache liefert einen einfachen Test, ob Ihre Kernaussage, der Küchenzuruf Ihres Vortrags, bei den Zuhörern überhaupt Chancen hat, anzukommen, indem Sie die Frage stellen: Was würde ein Zuhörer auf die Frage „Und? Was ist bei dir hängen geblieben?“ antworten. Ein Zuhörer. Nicht Sie.

Was bei den Zuhörern hängen bleiben soll, muss in deren Sprache auszudrücken sein. Die Zuhörer müssen es sagen können. Es muss für sie einen Sinn ergeben.

12 Fragen: 1. Hab ich was zu sagen?

Machen wir uns nichts vor: Ein Vortrag kostet Zeit. Viel Zeit. Ihre und die der Zuhörer. Also Hand auf’s Herz: Was haben Sie zu sagen? Bringt es uns weiter? Ändert es was? Lohnt es den Aufwand? Oder reicht eine kurze Mail?

Was tun bei hoher Faktendichte?

Eine spannende Geschichte zu erzählen ist eigentlich ganz einfach, wenn man diesem Rat des Schriftstellers Elmore Leonard folgt:

„A story is real life with the boring parts left out.“

Einfach alles langweilige weglassen und fertig ist die spannende Geschichte. Oder der spannende Vortrag. Was aber, wenn man die vermeintlich langweiligen Teile gar nicht weglassen kann? So wie es anscheinend bei „technischen“ Themen der Fall ist, wo eine „hohe Faktendichte“ besteht?

„Technisch“ heißt „faktisch“ und wo es um Faktisches geht, kann man das Faktische eben nicht weglassen. Und da Fakten=trocken=langweilig sind, hat man bei manchen Themen eben Pech. Da ist dann auch Elmore Leonard mit seinem Rat am Ende.

Oder?

Nein, denn die Voraussetzung ist falsch. Faktisches ist nicht automatisch langweilig.

Was ist spannend?

„Spannend“ ist ein anderer Ausdruck für „Ich will wissen, wie es weitergeht.“ Doch brauche ich einen Grund, um das wissen zu wollen. Erst wenn ich diesen Grund habe, will ich es wissen. Eine pure Aufzählung von Fakten liefert diesen Grund nicht.

Das Problem technischer Präsentationen ist jedoch selten, dass es einen Grund nicht gäbe, sondern dass er nicht mitgeliefert wird.

Leonards Rat hat nämlich auch einen ersten Teil: „A story is real life …“. Das wahre Leben. Und genau das ist der Knackpunkt. Eine technische Präsentation kann dann spannend sein, wenn sie einen Bezug zum Leben hat – zum wahren Leben – und wenn die Zuhörer ihn erkennen können.

Wenn mich also Stefan List und Tim Themann im Rahmen eines sog. Blogstöckens fragen

Welche Formate gibt es für die Präsentationen/Schulungen von technischen Themen, bei denen eine hohe „Faktendichte“ besteht?

dann geht es nicht unbedingt darum, wie man Fakten hinter vermeintlich spannenderen Anekdoten, Bildern o.ä. versteckt oder aufpeppt. Es geht erst einmal darum, herauszufinden, wo die Spannung in dem Thema, mithin in den Fakten steckt. Mit anderen Worten: Es geht darum, herauszufinden, inwiefern die Fakten das Leben der Zuhörer berühren, beeinflussen, verändern.

Was ist spannend an den Fakten selbst?

Wissenschaftler hören sich die Vorträge auf einer Konferenz an gerade wegen der Fakten. Sie wollen die Fakten hören. Sie wollen keine bunten Bildchen und keine persönliche Kindheitsgeschichte, mit der ich meine Verletzlichkeit zeige. Sie wollen die Fakten.

Aber sie wollen trotzdem keinen langweiligen Vortrag.

Hm. Und jetzt?

Klar, man kann zunächst hinterfragen, so wie Tim es tut, welche Fakten denn überhaupt sein müssen und in welcher Ausführlichkeit, wie man also die Faktendichte reduziert. Aber das hat seine Grenzen. Wenn ich jemanden schulen soll, dann muss derjenige am Ende eben wissen, was der Lehrplan vorgibt. Wenn ich meine wissenschaftliche These belegen möchte, dann muss ich die Daten zeigen, die sie stützen. Wenn ich eine neue Methode vorstelle, dann muss ich erklären, wie sie funktioniert.

Wie also kann ein Vortrag faktisch und spannend zugleich sein?

Indem man zuerst die eigene Perspektive und dann die Reihenfolge des Vortrags ändert.

Perspektive wechseln

Warum sollten die Zuhörer denn eigentlich hören wollen, was ich ihnen zu sagen habe? Was ist es, dass sie 60 Minuten ihrer Zeit investieren lässt, um meine Fakten zu hören?

Sind sie neugierig, wie wir es schaffen konnten, eine Frage zu knacken, an der sich ein ganzes Forschungsfeld 4 Jahre lang die Nase gestoßen hat? Tragen sie Verantwortung und haben deswegen Angst vor den Konsequenzen, die eintreten, wenn sie die Prozedur aus §4 der Sicherheitsrichtlinie falsch anwenden? Helfen ihnen die Schlüsse aus den Fehlern meines Experimentalaufbaus, um ganz neue Messbereiche in ihren eigenen Experimenten zu erreichen? Wollen Sie schlicht wissen, wie sie ein paar Euro mehr herausschlagen können, wenn sie die neuen Regeln der Reisekostenabrechnung richtig anwenden?

Warum sollten Ihre Zuhörer hören wollen, was Sie ihnen zu sagen haben? Im Ernst, warum sollten sie? Durch Ihre Antwort auf diese Frage merken Ihre Zuhörer: „Der meint ja mich!“ Und sie erkennen, warum Sie ihnen all die Fakten erklären. Sie wollen sie wissen, weil sie sie betreffen.

Fakten gehören dann in einen Vortrag, wenn die Zuhörer sie hören wollen. Es gibt keine Grenze für die Zahl, die Tiefe oder die Dichte an Fakten in einer Präsentation, solange die Zuhörer danach lechzen, sie zu hören.

Die Methode für hohe Faktendichte lautet: Die Zuhörer dahin zu bringen, dass sie die Informationen hören wollen, bevor man sie ihnen gibt.

Reihenfolge ändern

Und wenn man sie ihnen gibt, dann gibt man sie ihnen so, dass sie sie verstehen können.

Die Sendung mit der Maus macht es immer so. Bevor sie erklärt, wie die Adresszuordnung im Internet funktioniert, vergleicht sie das Prinzip mit der Telefonauskunft: „Wenn man eine Nummer nicht kennt, dann ruft man die Auskunft an. Im Internet gibt es auch so eine Auskunft.“ Und dann folgen die Fakten. Und wenn die Fakten dann folgen, dann weiß man schon, was man denken soll.

Umgekehrt würde es einen gewaltigen gedanklichen Schritt im Kopf der Zuhörer erfordern. Es mag zwar logisch erscheinen, zunächst alle Fakten zu präsentieren und erst anschließend ein Beispiel zu nennen. Doch wird das Verständnis ungleich schwerer. Denn die Fakten wollen übersetzt werden in die Gedankenwelt der Zuhörer, die sich fragen: „Wie meint er das?“, „Ist das so ähnlich wie?“, „Ist das jetzt ein Spezialfall?“, „Welche Konsequenzen hat denn das?“ „Für mich?“.

Langweilig bleibt es, solange es abstrakt bleibt. Diese Abstraktheit aufzulösen, ist der Schlüssel zu lebhaften technischen Präsentationen. Was bedeuten die Fakten für mich? Wie helfen sie mir selbst weiter? Wie ist es gewesen, hinter die Lösung jenes Rätsels zu kommen. Je greifbarer die Fakten für die Zuhörer werden, desto eher verstehen sie, was die Fakten bedeuten; desto eher ist es spannend.

Die Methode, um Fakten lebendig zu präsentieren, lautet: Erst das konkrete Beispiel, dann die abstrakte Verallgemeinerung der Fakten. Erst das Verständnis, dann die Korrektheit und Vollständigkeit.

Wer einen Namen für die Methode braucht, der darf sie gerne Die-Sendung-mit-der-Maus-Methode nennen, denn die machen das immer so.

Hilfe zur Selbsthilfe

Bei aller sorgfältigen Vorbereitung: Eine Präsentation ist ungeeignet, eine hohe Menge an Informationen nachhaltig zu speichern. Wissen ist nicht das Ziel einer Präsentation. Neugier zu wecken und Verständnis zu schaffen ist das, was man mit einer Präsentation gut erreichen kann.

Insofern geht es in einer Präsentation nicht unbedingt darum, dass die Zuhörer nach dem Vortrag alles wissen, was ich ihnen zu sagen habe, sondern insbesondere darum, dass es ihnen jetzt leichter fällt, das relevante Wissen abzuspeichern oder zu finden, weil ich ihnen Regeln gezeigt, Eselsbrücken gebaut, sie auf Fallstricke hingewiesen, kurz: sie an meiner Erfahrung habe teilhaben lassen.

Ob Sie dann klassisch präsentieren, a là Pecha Kucha, mit Prezi, Flipchart oder spazierend im Wald, ist nebensächlich, solange Sie

  • die richtige Perspektive einnehmen, damit die Zuhörer danach lechzen, die Fakten – endlich – zu hören.
  • mit der Sendung-mit-der-Maus-Methode erst auf Verständnis und danach auf Korrektheit und Vollständigkeit zielen.
  • sich stets fragen: Was muss unbedingt in die Präsentation und was ist im Handout besser aufgehoben?

Eine spannende Geschichte zu erzählen, ist eigentlich ganz einfach.

[Dieser Beitrag greift das sog. Blog-Stöckchen zum Thema „Formate für Vorträge mit hoher Faktendichte“ auf, dass mir Tim Themann zugeworfen hat. Ich reiche die Frage gerne weiter und freue mich auf weitere Antworten und Gedanken, insbesondere von Peter Claus Lamprecht und Anke Tröder.]

Was muss ich alles sagen?

„Ich schau’ erst mal, was ich schon aus anderen Vorträgen habe, und danach fange ich an, Stichpunkte auf den Folien zu sammeln.“

Und dann landen Sie bei 50 Folien. Und stellen fest, dass das beim besten Willen zu viele sind für 20 Minuten.

Also kürzen Sie. Zuerst Folie 23. Schweren Herzens. Denn schließlich haben Sie sich ja Mühe damit gegeben, haben sich schon Gedanken über die Gestaltung gemacht. Und – mal ganz ehrlich – so ganz unwichtig ist dieser Aspekt ja auch nicht. Also lassen wir ihn doch erst einmal drin. Vielleicht bringen wir ihn auch noch auf der nächsten Folie mit unter.

Weiter. Was können wir sonst kürzen …

Das Problem ist: Es gibt immer mehr Interessantes zu sagen, als Sie Zeit zur Verfügung haben. Immer. Deswegen ist Kürzen so schwer. Und deswegen ist Ihr Vortrag auch nach dem Kürzen jedes Mal trotzdem noch zu voll.

Aber was heißt hier eigentlich „interessant“? Interessant für wen? Und warum? Was haben Ihre Zuhörer von all’ den interessanten Sachen, wenn sie sie gar nicht verarbeiten, geschweige denn behalten können? Dann wäre es nur noch interessant für Sie. Aber für sich halten Sie den Vortrag nicht, denn Sie wissen ja schon alles.

Denken Sie deshalb lieber vom Zuhörer her als vom Thema her. Das ist der Schlüssel, um die Komplexität des Themas zu knacken. Was müssen die Zuhörer unbedingt verstehen?

Statt erst einmal alles auf Folien zu sammeln, was Sie haben, stellen Sie vorab – noch bevor Sie überhaupt an PowerPoint o.ä. denken – die Frage: „Wenn meine Zuhörerin meine Botschaft verstehen soll, was ist das Allerwichtigste, das sie verstehen muss?“ Nicht: „Die 30 wichtigsten Sachen“, sondern: „Das Allerwichtigste“. Und dann hangeln Sie sich weiter: „Welche Informationen braucht sie, um das zu verstehen und wie kann ich ihr das in ihren Worten erklären?“

Und so fügen Sie – Stück für Stück – nur das hinzu, was – aus Sicht der Zuhörer – unbedingt in den Vortrag muss. Es landet nur das im Vortrag, was die Zuhörer wirklich brauchen. Sie machen nur Folien zu den Aspekten, die für die Zuhörer tatsächlich relevant sind. Und Sie haben viel Zeit gespart, weil Sie die Folien, die Sie gar nicht brauchen, erst gar nicht machen – und demnach auch nicht wieder kürzen müssen.

Was soll ich tun?

»Ok, Du hast mich überzeugt, aber was kann ich denn jetzt nach deinem Vortrag ganz konkret tun?«

Sonnenklar ist das nur Ihnen (ist es?). Für die Zuhörer aber ist alles neu. Sie haben sie vor den Kopf gestoßen, wach gerüttelt oder mitgerissen. Kopfnicken überall.

Aber sobald die Euphorie des Moments vorbei ist und jeder wieder in seinem Alltag gelandet ist, was dann? Wie setzen die Zuhörer jetzt um, was Sie in ihnen gepflanzt haben? Was können die Zuhörer ganz konkret als ersten Schritt tun? Welche eine Tat hat die größte Auswirkung? Gibt es vielleicht eine Checkliste?

  • Wenn du dich gesünder ernähren möchtest, dann ist der wichtigste Schritt …
  • Wenn du deine Qualitätsprobleme in den Griff bekommen möchtest, dann solltest du zuallererst …
  • Wenn Sie helfen wollen, dann spenden Sie hier …

Was nützt es, dass Sie Ihre Zuhörer überzeugt haben, wenn sie danach die neue Überzeugung nicht in die Tat umsetzen. Unterstützen Sie sie dabei. Geben Sie ihnen Handlungsempfehlungen mit auf den Weg. Sagen Sie ihnen, so konkret wie möglich, was sie jetzt tun sollen.

Wie Apple seine Produkte erklärt

Apples Keynotes dienen dazu, der Presse und den Bloggern im Publikum zu erklären, was sie über die neuen Produkte schreiben sollen. Natürlich nicht in Form eines Befehls, sondern indem Apple erklärt, wie die neuen Produkte funktionieren und warum sie genau so und nicht anders funktionieren.

So lenkt Apple mit jeder Keynote die öffentliche Diskussion über seine Produkte. Warum es damit erfolgreicher ist als andere Unternehmen, liegt u.a. an folgenden Gründen.

Apple hat einen Fokus

Über jedes Produkt gäbe es tausend Dinge zu sagen, dennoch konzentriert sich die Keynote auf wenige herausragende Eigenschaften. Beim iPhone 6S, das bis auf das Äußere komplett überarbeitet wurde, konzentrierte sich die Präsentation auf drei Dinge: den neuen druckempfindlichen Bildschirm (3DTouch genannt), stark verbesserte Kameras auf Vorder- und Rückseite sowie Live Fotos, die wie ein Mini-Video funktionieren. Diese drei Funktionen bilden den Fokus. Vieles weitere wird zwar erwähnt, aber nicht in den Vordergrund gerückt.

Der Fokus liegt auf Problemlösung

Jede Produkteigenschaft, die ausführlich vorgestellt wird, löst ein Problem, das die Menschen haben. Viele iPhone-Nutzer lieben z.B. ihre Kamera. Fotos zu machen gehört zu den wichtigsten Anliegen für iPhone-Nutzer. Deswegen haben diese Nutzer ein Interesse an besseren Bildern. Bessere Kameras in iPhones lösen ein Problem, das diese Menschen haben.

Nicht immer wissen die Menschen vorher, dass sie ein Problem haben. Dann erklärt Apple es. Der druckempfindliche Bildschirm löst das Problem, dass Menschen Aufgaben, die sie oft erledigen müssen, schneller erledigen möchten. Deswegen zeigt Apple ausführlich an vielen Beispielen, wie alltägliche Aufgaben durch die 3DTouch-Technologie schneller erledigt werden können. Wenn die Probleme echte Probleme sind, dann genügen diese Beispiele, um das Kopfkino in Gang zu setzen: „Stimmt, das hätte ich mir gewünscht, als ich … Und das kann ich gut gebrauchen, wenn ich …“ Der Sinn ergibt sich unmittelbar aus den alltagsnahen Beispielen.

Übrigens beschreibt Apple die Probleme, die es löst, umso ausführlicher, je weniger die Menschen sich des Problems bewusst sind. Als Steve Jobs das Ur-iPhone präsentierte, investierte er sehr viel Zeit darauf zu erläutern, warum Hardware-Keyboards ungeeignet sind. Die wenigsten Menschen konnten sich damals überhaupt ein Smartphone ohne feste Tastatur vorstellen.

Die Lösung wird technisch erklärt

schillerDeepTrenchIsolation
Apple gibt oft Hintergrundinformationen zur technischen Umsetzung seiner Lösungen. Marketingchef Phil Schiller erläuterte gestern zum Beispiel, wie die Nachteile eines 12-Megapixel-Sensors (u.a. der sog. „cross talk“ zwischen den Pixeln) für die neuen iPhones dank einer Technologie namens „deep trench isolation“ kompensiert werden können. Apple redet darüber nicht deswegen, weil es besonders stolz auf diese technische Lösung ist, sondern weil es möchte, dass die Käufer stolz auf ihr neues iPhone sind.

Und aus einem zweiten Grund. Apple möchte, dass diejenigen, die über die neuen iPhones sprechen, erklären können, warum die Geräte besser sind als andere Smartphones. Sie bilden das Publikum „gewissermaßen“ aus, damit sie die technischen Lösungen würdigen können. Deshalb sagt Schiller scherzhaft – und sicher nur scheinbar spontan:

„If you take one thing away today, you tell people you learned about deep trench isolation.“

Aber die Sprache ist einfach

Gleich im Anschluss schiebt Schiller allerdings nach:

„The reality is, we don’t need to know any of this. All we need to know is that we can take even better pictures with an iPhone 6S & 6S Plus.“

Apple erklärt die Dinge so einfach wie möglich. Es verwendet einfache Sprache und es gibt den Dingen einfache Namen, die möglichst bereits ausdrücken, was sie bedeuten: Live Fotos sind Fotos, die sich bewegen. Apple Pencil ist ein elektronischer Stift. iPad Pro ist das iPad für professionelle Nutzer.

Je einfacher die Sprache und je konkreter die Bilder in den Köpfen des Publikums werden, desto einfacher kann das Publikum selbst über die Produkte reden. Und das ist das Ziel der Keynote.

Die Menschen im Publikum sollen darüber reden und Apple möchte bestimmen, was und wie. Deshalb macht Apple es ihnen so einfach wie möglich. Es erklärt seine Produkte. Nicht mehr und nicht weniger.

[Fotos: Tim Cook und Phil Schiller bei der Apple-Keynote am 9.9.2015]

So einfach wie möglich

Unterstellen wir, dass Sie mit Ihrer Präsentation etwas erreichen möchten. Vielleicht soll Ihr Publikum nach Ihrer Präsentation etwas verstanden haben, was es vorher nicht verstanden hatte oder einen bekannten Sachverhalt aus einer völlig neuen Perspektive betrachten, sein Verhalten ändern oder etwas kaufen …

Daraus folgt, dass das meiste, das Sie in Ihrer Präsentation sagen, für Ihr Publikum in gewisser Weise neu ist. Mindestens die Art, wie Sie es sagen. Sie fordern Ihr Publikum auf, seinen Horizont zu erweitern oder seinen bisherigen Standpunkt zu hinterfragen. Wenn das nicht bloß Belangloses ist, stellen Sie Ihr Publikum damit vor (eine ganze Reihe von) Herausforderungen. Sie sollten dafür sorgen, dass Verständlichkeit nicht dazu gehört.

Für Sie ist ja inhaltlich alles ganz einfach, weil Sie gedanklich schon einen (oder mehrere) Schritt(e) weiter sind als Ihr Publikum. Deshalb bedroht Sie der Fluch des Wissens. So nennt man das Phänomen, dass Sie sich nicht vorstellen können, wie jemand denkt, der nicht all das weiß, was Sie wissen. Wer dem Fluch des Wissens zum Opfer fällt, spricht unnötig kompliziert, zu abstrakt oder packt zu viele Informationen in zu kurze Zeit. Wenn Sie gegen den Fluch des Wissens nicht ankämpfen, dann ist es für Ihr Publikum unnötig schwer, zu verstehen, was Sie meinen.

Wer aber andere davon überzeugen möchte, seinen Standpunkt oder sein Verhalten zu ändern, der sollte es demjenigen, den er überzeugen möchte, so einfach wie möglich machen, zu verstehen wie und warum. Der Rest ist dann immer noch schwer genug.

„Und? Wie war der Vortrag?“

Auf diese Frage können Sie immer eine Antwort geben, ganz egal, wie gut oder schlecht der Vortrag war, den Sie heute Nachmittag gehört haben. Bestenfalls antworten Sie mit dem Küchenzuruf, den der Vortragende sich gewünscht hat, schlimmstenfalls mit „Keine Ahnung, war viel zu kompliziert.“ Aber eine Antwort haben Sie immer.

Ihr Publikum auch.

Sobald Sie das akzeptieren, wird es einfacher, den Vortrag zuzuspitzen. Denn wenn Ihr Publikum sowieso gnadenlos kürzt und zuspitzt, dann können Sie ihm auch zuvorkommen. Überlassen Sie nicht dem Zufall, was beim Publikum hängen bleibt, sondern spitzen Sie Ihren Vortrag so zu, dass Ihr Publikum nicht anders kann, als Ihren Küchenzuruf zu übernehmen.

Und was ist, wenn Ihr Thema doch zu komplex ist, um es auf einen Küchenzuruf zuzuspitzen? Keine Sorge! Ihr Publikum erledigt das für Sie. Das Publikum hat immer eine Antwort, ob Sie wollen oder nicht.

Es gibt keine zu komplexen Themen. Als John F. Kennedy 1961 das Mondprogramm der NASA für die nächsten Jahre vorstellte, brachte er es mit einem Satz auf den Punkt, den eine ganze Nation wie ein Mantra wiederholte:

I believe that this nation should commit itself to achieving the goal, before this decade is out, of landing a man on the moon and returning him safely to the earth.

Wenn das Mondprogramm nicht zu komplex für einen Küchenzuruf war, dann ist es Ihr Thema mit Sicherheit auch nicht. Wenn Sie finden, Ihr Thema sei zu komplex, haben Sie sich nicht genug angestrengt.

Eine schwierige Entscheidung

Was macht eine schwierige Entscheidung zu einer schwierigen Entscheidung? Die Philosophin Ruth Chang erklärt es in diesem faszinierenden Vortrag:

Schwierige Entscheidungen sind nicht schwierig, weil wir zu dumm sind oder zu wenig über die Alternativen wissen. Sie sind schwierig, weil es unter den möglichen Alternativen keine gibt, die insgesamt besser ist als die anderen. Selbst wenn wir alles über die beiden Alternativen wüssten, wäre die Entscheidung nicht einfacher.

Schwierige Entscheidungen sind schwierig, weil sie sich den Kategorien „schlechter“, „gleich gut“ oder „besser“ verschließen. Stattdessen spielen Werte eine Rolle – wie z.B. bei der Entscheidung, ob ich Künstler oder Banker werden möchte. Das eine ist nicht besser oder schlechter als das andere. Beides hat Vorteile, beides Nachteile, doch sind diese Vor- und Nachteile nicht direkt vergleichbar. „Mehr Freiheit“ ist nicht 3% besser als „größere Karrierechancen“.

Durch schwierige Entscheidungen gestalten wir, wer wir sind

Schwierige Entscheidungen sind letztlich deswegen schwierig, weil nicht äußere Faktoren die Entscheidung diktieren, sondern weil ich mir über das Wertesystem und seine Gewichtung selbst klar werden muss.

Und das empfindet Ruth Chang als Segen. Denn gerade diese schwierigen Entscheidungen ermöglichen mir, mich selbst zu definieren. Wenn ich mich bewusst dafür entscheide, Banker zu werden, sagt das etwas über mich aus: „So bin ich. So will ich sein. So will ich gesehen werden.“

Die Menschen, die in solchen Situationen nicht entscheiden, z.B. indem sie andere oder die Zeit für sich entscheiden lassen, nennt Chang „Drifter“. Auch dann sagt der eingeschlagene Weg etwas über mich aus. Wenn ich jedoch die Entscheidung bewusst treffe, dann gestalte ich das Bild über mich selbst, dann werde ich gewissermaßen zum Autor meines Lebens.

Auch durch die Art, wie wir präsentieren, gestalten wir, wer wir sind

Schwierige Entscheidungen müssen nicht gleich den ganzen Lebensweg in Frage stellen. Es gibt sie in allen Größenordnungen. Auch beim Präsentieren.

Werfe ich BulletPoints über den Haufen? Versuche ich einen Einstieg mit einer Anekdote statt mit der Agenda-Folie? Lasse ich den Beamer diesmal aus?

Auch diese Fragen können schwierige Entscheidungen im Sinne Changs sein. Keine der Alternativen ist notwendigerweise insgesamt besser als die andere. Der eine Weg bedeutet vielleicht mehr Aufwand, größeres Risiko, Angriffsfläche für Kritik & Lästerei, dafür eine zugespitzte Botschaft und einen besseren Draht zum Publikum. Der andere Weg ist vielleicht vertrauter, spart Vorbereitungszeit, die BulletPoints sind Ihre Gedächtnisstütze oder dienen gleichzeitig als Handout, lenken aber das Publikum ab.

Lassen Sie andere entscheiden oder entscheiden Sie selbst?

Als Drifter gibt man die Entscheidung ab. Der Chef will es so, die Anderen machen es auch so, ich muss noch etwas anderes erledigen, ich habe Angst vor Kritik.

Doch auch dann sagt das etwas über mich aus.

Wenn ich mich aber bewusst für das Eine oder das Andere entscheide, dann bestimme ich, was das über mich sagt. Dann definiere ich mich und mein Wertesystem ein Stück weit selbst.

Entscheiden Sie selbst, wer Sie sein wollen.

    Aber das ist doch wichtig!

    Was ist denn hier wichtig? Erklären Sie Ihrem Publikum lieber das große Ganze als jedes einzelne Mosaiksteinchen.

    Aber das ist doch wichtig!

    Na und? Ist doch völlig egal, denn Ihr Publikum kann sich nun einmal nicht alles merken, was Sie für wichtig halten.

    Aber trotzdem, das kann man einfach nicht weglassen.

    Und wieso nicht? Wenn es sich eh keiner merkt?

    Weil sonst die Substanz fehlt.

    Aha. Die Substanz.

    Naja, der Vortrag wird doch sonst zu dünn.

    Was soll denn ein dünner Vortrag sein?

    Einer, bei dem nur gelabert wird.

    Entschuldigung? Der Rest Ihres Vortrags ist nur gelabert?

    Nein, natürlich nicht. Aber wenn ich das weglasse, fehlt was.

    Natürlich fehlt was. Aber wenn es sich eh keiner merken kann, wen interessiert das dann?

    Mich.

    Das ist egal.

    Und meinen Chef.

    Das ist auch egal. Nur Ihr Publikum zählt.

    Aber ich habe mir viel Mühe damit gemacht.

    Na und? Relevant ist nicht, wie viel Mühe Sie bei der Vorbereitung hatten, sondern nur, wie viel am Ende ankommt.

    Und Sie meinen wirklich, ich kann das weglassen?

    Sie müssen! Sorgen Sie dafür, dass das, was Sie sagen, so verständlich wie möglich ist und lassen Sie alles weg, was davon ablenkt, also auch all’ die Fakten, die Sie zwar selbst für wichtig halten, auf die Sie stolz sind, oder die Ihnen viel Mühe gemacht haben. Verständnis ist das Ziel, nicht Wissen. Nur das Publikum bestimmt, ob Ihnen das gelingt.

    Verwandte Artikel

    Interessiert mich nicht die Bohne
    STOP – oder es knallt
    Wie Opa Ewald über den Erfolg Ihrer Präsentation entscheidet
    Wie war der Urlaub?

    Spread the Word

    Share on facebook
    Share on twitter
    Share on linkedin
    Share on pinterest
    Dr. Michael Gerharz

    Dr. Michael Gerharz