Jonglieren mit Gedanken

Fast jeder kann mit zwei Bällen jonglieren. Mit drei können viele. Vier sind schon schwer, noch mehr kann kaum jemand.

Mehrere Dinge gleichzeitig im Kopf zu behalten, ist ganz ähnlich … Zwei? Ist einfach. Drei? Auch noch. Ab vier wird’s schwieriger und danach knackig. Je komplizierter die Dinge sind, die man im Kopf behalten muss, desto knackiger.

Wenn Sie mit zu vielen Bällen in Ihrem Vortrag jonglieren, wird’s auch für Ihre Zuhörer schwierig. Die Zuhörer lassen Bälle fallen und während sie noch damit beschäftigt sind sie aufzuheben, fallen schon die nächsten.

Leider sind aber die meisten Themen, gerade die, die es wert sind, Thema einer Präsentation zu sein, kompliziert. Da kommt man einfach nicht mit ein paar Bällen aus.

Zum Glück haben Gedanken allerdings eine Eigenschaft, die echte Jonglier-Bälle nicht besitzen. Gedanken können sich zu größeren Gedanken zusammenfügen. Gedanken können andere Gedanken triggern. Aus Äpfeln, Birnen und Bananen wird Obst. Aus Obst, Gemüse und Getreide wird vegetarische Ernährung. Vegetarische Ernährung hat Effekte, die Sie durch eine Geschichte erst veranschaulichen und dann abstrahieren, um daraus eine konkrete Ernährungsempfehlung abzuleiten. Zu jedem Zeitpunkt halten Sie höchstens vier Bälle in der Luft, so dass jeder mühelos folgen kann. Komplex in der Konstruktion, einfach in der Erzählung.

Mit einer klaren Story und einer klaren Struktur können Sie äußerst komplexe Dinge in die Köpfe der Zuhörer bringen, solange Sie die Komplexität sinnvoll und Schritt-für-Schritt aufbauen.

Was wollen Sie denn eigentlich sagen?

„Und warum sagen Sie es dann nicht einfach?“

Das ist ganz oft die Schlüsselszene im Coaching.

Wenn sie „einfach“ erzählt, was sie sagen möchte und dabei glüht und sprudelt vor Begeisterung. Beispiele verwendet. Es für mich übersetzt in Worte, die ich verstehen kann. So wie sie es ganz automatisch tut, wenn sie ihren Freunden oder ihren Kindern davon erzählt. Wenn sie mir erklärt: „Das ist so wie …“ und dadurch die vorher so abstrakte „Verschlüsselungstechnologie“ und „Cloud-Lösung“ plötzlich zu einem ganz greifbaren „Safe, den ich immer in der Hosentasche habe“ wird.

Erst im Vortrag, auf der Webseite und in der Broschüre verliert sich diese Natürlichkeit. Dann muss es „seriös“ klingen. Darf nicht banal sein. Wird holprig und steif, wichtig und gewichtig.

Damit will ich nicht sagen, dass man auf der Bühne einfach drauflosreden sollte. Im Gegenteil. Die Kunst besteht darin, die Einfachheit des direkten, natürlichen Gesprächs in die raffinierte Struktur einer durchdachten, zielsicheren Story zu bringen.

Was nützt eine raffinierte Struktur und eine durchdachte Story, wenn sie keiner versteht? Je einfacher, je konkreter, je greifbarer sie spricht, umso eher kann ich das als Zuhörer in mein Leben übersetzen. Erst wenn mir das gelingt, kann mich ihre Begeisterung anstecken. Mehr noch: Erst wenn sie ohne das steife Korsett der „Gewichtigkeit“ auf die Bühne geht, können wir im Publikum spüren, wie sehr sie selbst begeistert ist.

Es einfach zu sagen. Es einfach sagen. Das sind Werte, die immer noch oft unterschätzt und selten geübt werden.

Ich sehe was, was du nicht siehst

„Ich sehe, dass wir die Art und Weise, wie Menschen Musik hören, verändern können.“

„Ich sehe, dass wir Patienten, die an Lupus erkrankt sind, helfen können.“

„Ich sehe, dass wir mit einer kleinen Änderung am Entscheidungsprozess ein viel stärkeres Wir-Gefühl im Unternehmen erreichen können.“

Die anderen aber sehen es noch nicht.

Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Den einen ist es nicht wichtig, die anderen halten es nicht für machbar. Die einen haben die Hälfte nicht verstanden, die anderen haben es gar nicht erst versucht. Und so passiert nichts. Die Kunden kaufen nicht, die Mitarbeiter ziehen nicht mit.

Und es ist ihr gutes Recht. Niemand ist verpflichtet, zu sehen was Sie sehen.

Gerade deshalb ist es so wichtig, dass Sie sich darum bemühen. Es ist das vielleicht wichtigste Ziel, das Sie als Botschafter für Ihre Sache haben können: Dass die anderen es auch sehen können!

Warum? Sobald die anderen es sehen, stehen Ihnen alle Türen offen. Denn dann wollen sie mehr wissen. Sind offen für einen Folgetermin. Für konkrete Umsetzungsempfehlungen. Wollen das Projekt endlich machen.

Das ist die Magie guter Kommunikation: Wenn Unsichtbares sichtbar wird, wenn Bedeutung klar wird, dann kommen Steine ins Rollen kommen, geht ein Ruck durch das Unternehmen, die Kunden, die Menschen …

Die Karte der Londoner U-Bahn

Als Harry Beck 1931 die erste schematische Karte der Londoner U-Bahn veröffentlichte, kam das einer Revolution gleich. Zugunsten der besseren Lesbarkeit verzichtete er auf geografische Korrektheit. Er zeichnete bewusst eine „falsche“ Karte, die aber leicht zu verstehen war. Falsch im Sinne der Geografie. Richtig im Sinne der Verständlichkeit.

In diesem kurzen Video erklärt Michael Bierut drei einfache Prinzipien, die Becks Lösung ermöglichten, und die ebenso nützlich in Präsentationssituationen sind:

1. Totaler Fokus auf die Bedürfnisse der Benutzer/Zuhörer.

Denn die müssen es verstehen. Also: Welche konkreten Bedürfnisse oder Probleme haben die Benutzer? Und wie können Sie Ihr Thema so darstellen, dass es möglichst gut auf genau diese Bedürfnisse eingeht.

2. Die einfachste mögliche Lösung anbieten.

Und nicht die allumfassende. So wie U-Bahn-Kunden sich nicht für die geografischen Details über der Erde interessieren, solange sie sich in einer Bahn unter der Erde befinden, ist es Ihren Zuhörern möglicherweise egal, sämtliche Details Ihrer Produktes zu kennen, so lange sie es z.B. nur anwenden und nicht nachbauen möchten.

3. Durch einen Blick über den Tellerrand Lösungen aus anderen Bereichen übertragen.

Als Ingenieur zeichnete Beck die Karte so, wie man sonst einen Schaltkreis zeichnet: Er zeichnete ein Diagramm statt einer Karte. Welche Bilder, Methoden oder Metaphern aus anderen Bereichen helfen Ihnen, Ihre Ideen verständlicher zu präsentieren?

Wenn nur die Zuhörer nicht wären

Die hatten mal wieder nur das Negative gesehen. Dabei habe ich auf Folie 23, Bulletpoint 4 doch genau erklärt, warum der Einwand unberechtigt ist. Die haben sich überhaupt nicht auf meine Ideen eingelassen. Eine 3,4% Steigerung des GHP muss uns erstmal einer nachmachen. Das sieht doch ein Blinder, wie man dadurch Geld sparen kann.

Wenn nur die Zuhörer nicht wären, dann wäre allen im Raum alles sonnenklar.

Die Zuhörer sind aber nunmal da. Und sie sind der Grund, warum Sie da sind. Ohne die Zuhörer hätten Sie nicht die Möglichkeit zu sagen, was Sie zu sagen haben. Sie könnten nichts bewegen.

Die Zuhörer müssen nichts bewegen. Die müssen nur zuhören. Bewegen wollen Sie. Doch wenn Sie etwas bewegen wollen, müssen Sie die Zuhörer bewegen.

Und dafür müssen die Zuhörer klar sehen. Je klarer, je besser. Denn dann wollen auch die Zuhörer etwas bewegen. Wenn die Zuhörer nicht klar sehen, dann liegt es nicht an deren Brille, sondern daran, dass Sie den Nebel nicht gelichtet haben.

Es ist ein Segen, dass die Zuhörer da sind. Denn es zwingt Sie dazu, sich klar auszudrücken. Und es gibt Ihnen die Möglichkeit, etwas zu bewegen.

12 Fragen: 4. Versteht das jemand?

Eine Präsentation halten Sie nicht für sich, denn Sie wissen ja schon alles. Sie halten sie für die Zuhörer. Am Ende zählt alles nämlich erst dann, wenn es bei Ihren Zuhörern auch ankommt. Und das tut es nur, wenn die Zuhörer verstehen, was Sie meinen. Und was es bedeutet. Für die Zuhörer.

Gedanken zur „Rede des Jahres“

Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, ist für seine Rede „Über Wissenschaft in Zeiten des Populismus“ (im Wortlaut, PDF) mit dem Preis für die „Rede des Jahres“ ausgezeichnet worden.

Die Rede ist hervorragend strukturiert und argumentiert. Inhaltlich stimme ich in vielen Punkten zu und ich bin froh, dass gerade aus der Wissenschaft so wohlüberlegte Worte zum „Wahrheitsanspruch“ der Wissenschaft kommen.

Aber ich habe doch meine Schwierigkeiten mit der Auszeichnung. Denn eines ist die Rede sicher nicht: leicht verständlich. So eloquent sie formuliert ist, so prägnant sie argumentiert, für viele Menschen, gerade die „Wissenschaftsfeinde“, die in der Rede gemeint sind, dürfte es schwer sein, ihr zu folgen.

Ein Beispiel:

„Wer meinen mochte, Wissenschaftsfeindlichkeit und populistischer Anti-Intellektualismus liefen eben als Rauschen öffentlicher Kommunikation nebenher mit und Leugnung des menschengemachten Klimawandels oder Furcht vor dem Impfen werde kaum über konventikelhafte Zirkel hinausgreifen, der sieht sich längst eines Schlechteren belehrt “

„Anti-Intellektualismus“, „konventikelhafte Zirkel“, die Rede ist gespickt von solchen Wörtern und Endlossätzen.

Den Schluss leitet Strohschneider mit diesem Satz ein:

„Gerecht werden können die Wissenschaften dem Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung nach meiner festen Überzeugung gerade in Zeiten des populistischen Anti-Intellektualismus und autokratischer Wissenschaftsfeindschaft nur mit sorgfältiger Selbstbegrenzung und Selbstdistanz – wenn Sie mögen: mit Ehrlichkeit und Bescheidenheit.“

Ich glaube, dass neben Ehrlichkeit und Bescheidenheit insbesondere Verständlichkeit in dieser Liste fehlt. Solange Wissenschaftler sich nicht bemühen, dass man sie verstehen kann, dass man verstehen kann, was ihre Forschung zu bedeuten hat – und dabei eben ehrlich und bescheiden bleiben – solange wird sich an dem von Strohschneider bemängelten Zustand nichts ändern. Zugegeben: Das ist manchmal richtig schwer, möglicherweise sogar in manchen Fällen unmöglich, aber sich zu bemühen, ist nie unmöglich.

Den Zuhörern im Saal fiel es vermutlich nicht schwer, den Worten von Strohschneider zu folgen, aber Wissenschaftler sollten nicht nur zu und für Wissenschaftler sprechen.

Dass andere in Bildern dasselbe sehen wie wir, ist nicht selbstverständlich.

Während der Dreharbeiten zu seinem Film „Die fliegenden Ärzte von Ostafrika“ stolperte Werner Herzog über eine interessante Entdeckung zur Wahrnehmung von Bildern (Hervorhebung von mir):

One of the doctors in the film talks of showing a poster of a fly to the villagers, who had never seen photographs or images of any sort. “We don’t have that problem,” they said. “Our flies aren’t that big.” It was a response that fascinated me, so we took the posters – one of a man, one of a human eye that filled an entire piece of paper, another of a hut – and conducted an experiment. I asked if they could identify the human eye, and most of the villagers couldn’t; the images were just abstract compositions to them. One man thought the window of the hut was an eye, and another pointed to the eye and said, “This is the rising sun.” It was clear that certain elements of visual perception are in some way culturally conditioned, that these people were processing images differently to how Westerners might.

Offenbar spielt die „kulturelle Prägung“ eine große Rolle dabei, wie wir Bildern wahrnehmen, dekodieren und verstehen. Wir sollten jedoch nicht davon ausgehen, dass diese Unterschiede in der „kulturellen Prägung“ nur in der afrikanischen Steppe relevant sind.

Durch die Kultur im eigenen Unternehmen oder in den eigenen vier Wänden, durch die Prägung der Medien, die wir konsumieren, durch die Gespräche, die wir führen, die Erfahrungen, die wir machen, sehen wir in Bildern stets das, was sich aus diesen Erfahrungen ergibt. Wir können nicht davon ausgehen, dass Bilder auf andere Menschen dieselbe Wirkung haben wie auf uns. Mehr noch, offensichtlich dürfen wir nicht einmal davon ausgehen, dass andere Menschen in den Bildern dasselbe erkennen wie wir.

Erklären und verstehen

Most professors think about teaching as something the teacher does rather than about what the students are supposed to learn. – Ken Bain

Auf der einen Seite die Lehrer/Professoren, die über ihren Stoff als etwas „Gegebenes“ denken, etwas das sie erklären, und das die Studenten verstehen müssen. Diese Lehrer glauben, ihr Job sei getan, wenn sie es erklärt haben, nicht wenn die Studenten es verstanden haben. „Verstehen“ als Aufgabe des Empfängers statt des Absenders.

Auf der anderen Seite die Lehrer/Professoren, die sich als „Mentoren“ verstehen; deren Job noch lange nicht zu Ende ist, wenn die Studenten den Stoff verstanden haben; die den Studenten nicht nur Verständnis, sondern Neugier, Skepsis, Begeisterung vermitteln wollen und dabei über die Ränder des Faches hinausgehen.

Im Matheunterricht hatten ein Mitschüler und ich verschiedene Lösungen für eine Statistikaufgabe gefunden. Wir verstanden nicht, warum, denn beide Lösungen schienen plausibel, obwohl die Ergebnisse nicht vereinbar waren. Unser Lehrer fand auch keinen Fehler. Das kann passieren. Was nicht passieren sollte: Unser Lehrer hatte keinen Ehrgeiz, die richtige Lösung zu finden. Das Buch habe recht – das sei ja auch plausibel – und folglich ich unrecht. Damit gaben wir uns nicht zufrieden. Mein Mitschüler und ich diskutierten außerhalb des Unterrichts stundenlang, entschlossen uns anschließend, die Aufgabe empirisch mit einem Computerprogramm zu simulieren und wussten dadurch, dass tatsächlich die Lösung im Buch korrekt war. Der Unterschied war jetzt jedoch: mit Hilfe des Computerprogramms konnten wir nun erklären, warum meine falsch war. Wir hatten etwas verstanden.

Es genügt auch für Vortragende nicht, sich zu rechtfertigen, dass man „das“ doch auf Folie 23, Unterpunkt 4 erklärt habe. Erklären ist nicht verstehen. „Verstehen“ ist Aufgabe des Absenders.

Warum schalten Zuhörer bei Vorträgen ab?

Aus dem gleichen Grund, aus dem Leser ein Buch weglegen.

Geht es nach dem Schriftsteller Orson Scott Card (u.a. Ender’s Game), hat der Autor in diesem Fall versäumt, drei wichtige Fragen zu beantworten, die sich jeder Leser unbewusst stellt (s. „Characters & Viewpoint“, S. 14). Übertragen auf Präsentationen lauten diese drei Fragen:

Frage 1: Na und?

Was hat das mit mir zu tun? Das ist doch kalter Kaffee. Das passt doch gar nicht zu meiner Situation. Warum erzählt der mir das?

Frage 2: Ach wirklich?

Das funktioniert nie im Leben. Das haben wir schon bei einem anderen Projekt erfolglos getestet. Die Annahmen sind völlig daneben. Bei uns ist alles ganz anders. Die Schlussfolgerung ist falsch. Wo hat der denn diese Daten her? Gibt’s dafür Quellen? Das ist total unrealistisch. Das habe ich aber anders erlebt.

Frage 3: Häh?

Wovon redet der eigentlich? Wie meint der das denn jetzt? Wie hängt das mit der letzten Folie zusammen? Hat er nicht gerade noch etwas ganz anderes gesagt? Jetzt hat er mich total abgehängt. Das ist mir viel zu kompliziert.

Wenn Sie ein Buch lesen, werden Sie es weglegen, falls Sie keine befriedigende Antwort auf diese drei Fragen bekommen. Wenn Sie einen Vortrag hören, werden Sie abschalten. Mindestens gedanklich, z.B. den nächsten Urlaub planen. Oder mit dem Smartphone Mails beantworten, Facebook checken, Berichte lesen …

Vortragende haben viele Strategien entwickelt, um damit umzugehen: Sie schreiben z.B. jeden Satz als Stichpunkt auf die Folien, damit das Publikum wenigstens flüchtig nachlesen kann, was es mündlich nicht interessiert hat. Sie führen z.B. eine Agenda, die permanent sichtbar ist und das aktuelle Kapitel kennzeichnet, damit das Publikum den roten Faden wiederfindet, den es zuvor fallen gelassen hatte.

Aber das behandelt die Symptome, nicht die Ursachen. Wenn ein Zuhörer in den ersten Minuten das Gefühl bekommt „Das ist nichts für mich.“ oder „Das glaube ich nicht.“ oder „Ich verstehe nur Bahnhof.“ wird er abschalten. Wenn ich ihn aber – so früh wie möglich – vom Gegenteil überzeuge, dann wird er wahrscheinlich bleiben, weil der Vortrag dann für ihn relevant, zutreffend und verständlich ist.

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Dr. Michael Gerharz

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