Wann geht’s denn endlich los?

Eigentlich wollten meine Kinder nur Aristocats schauen. Doch vorher mussten sie 2 Minuten Vorspann ertragen.

„Papa, wann geht’s denn endlich los?“ Meine Kinder werden sichtlich ungeduldig. Ich, ehrlich gesagt, auch: „Papaaa! Spul’ doch einfach vor.“

Früher oder später gewöhnt man sich als Erwachsener daran. Also nicht an das Quengeln, sondern an die ewig langen Vorspänne vor den Filmen. Früher war’s ja noch viel schlimmer. Mehr als zwei Minuten lang wurden Namen über Namen mit mehr oder weniger unterhaltsamer Musik aufgelistet. Für meine Kinder zu lang. Für mich auch.

Der richtige Einstieg …

Irgendwann wurde der Vorspann zur eigenen Kunstform. Die Kunst besteht darin, schon mit dem Vorspann die Zuschauer in die richtige Stimmung zu bringen und von der ersten Sekunde in Bann zu ziehen. Mit anderen Worten: die langweilige Aufzählung möglichst publikumsschonend zu verpacken.

Doch es gab auch Revoluzzer, die diese Beweihräucherung hinterfragt haben. Regisseure, die der Meinung waren, die Zuschauer sollten von der ersten Sekunde an ganz in den Film eintauchen. Francis Ford Coppola zum Beispiel bei Apocalypse Now, George Lucas bei Star Wars oder Clint Eastwood bei seinen Film ab 1982.

… kann schon mal 250.000$ kosten

Doch falls Sie meinen, man könne als Regisseur einfach so auf den Vorspann verzichten, dann täuschen Sie sich. Der Vorspann ist ein großes Politikum. Die amerikanische Regisseurvereinigung, die Verträge mit allen großen Hollywood-Studios hat, schreibt penible Regeln für den Vorspann vor.

George Lucas musste 250.000$ Strafe zahlen, weil er bei Star Wars keinen klassischen Filmvorspann zeigen wollte.

Für Star Wars legte sich George Lucas mit der Vereinigung an. Nachdem er bei den ersten beiden Star-Wars-Teilen bis auf den Filmnamen komplett auf Namensnennungen im Vorspann verzichtete, verhängte die Vereinigung eine Strafe von 250.000$.

250.000$, weil Schauspielernamen, Regisseur und Kameramann erst am Ende des Films genannt wurden. Lucas bezahlte und trat aus der Vereinigung aus. Das kann (oder will) sich nicht jeder leisten. Und so mögen diese Regeln ein Grund sein, warum es bis heute so wenige Filme gibt, die auf den Vorspann verzichten.

Meine Kinder finden Vorspänne trotzdem langweilig. Sie wollen den Film sehen.

Nach 10 Minuten ist bei Daimler immer noch nichts passiert

Bei großen Veranstaltungen und Präsentationen ist es übrigens noch schlimmer. Die beginnen nämlich auch meistens damit, dass der Vorstand, der Bürgermeister, der Sponsor, der Alterspräsident und seine Frau und wer-weiß-noch-alles begrüßt werden. So wie bei der Weltpremiere der neuen S-Klasse. Nach 5 Minuten ist die erste Begrüßungsrunde endlich vorbei, nach 10 Minuten ist immer noch nichts passiert:

Ist das spannend? Nein. Interessiert das jemanden? Schwer vorstellbar, erst recht, wenn das Produkt wirklich erstklassig ist. Wären die In-Zukunft-nicht-mehr-Begrüßten gekränkt? Sie würden es verkraften. Ist das noch zeitgemäß? Ich finde nicht. Diese langweiligen Beweihräucherungen gehören zu den Dingen, von denen jeder glaubt, es gehe nicht ohne, aber die am Ende doch niemand vermisst.

Nutzen Sie den Einstieg sinnvoll

Hatte Daimler wirklich 10 Minuten lang nichts spannenderes über ihr neues Flagschiff zu sagen? Und wenn nicht Daimler, so hoffe ich, dass wenigstens Sie in Ihren ersten 10 Minuten etwas spannderes zu sagen haben.

Nutzen Sie die wertvolle Zeit Ihres Publikums sinnvoll, mit einem Einstieg, der von der ersten Sekunde an fesselt (und nennen Sie meinetwegen die „wichtigen“ Personen auf der allerletzten Folie oder im Programmheft).

Nutzen Sie Ihre Zeit.

[Foto George Lucas: flickr/brunkfordbraun]

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Dr. Michael Gerharz

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