Mein Sohn ist ein Musiker

Kreativ sein kann man schon, bevor man Noten lesen kann. Mein Sohn erzählt Geschichten auf seinen Bongos.

Mein Sohn ist ein Musiker. Er ist auch 5 Jahre alt.

Er kann keine Noten lesen. Er weiß nicht, was eine Viertelnote ist, und dass sie doppelt so lange dauert, wie eine Achtelnote. Auch fällt es ihm noch schwer, über längere Zeit einen Rhythmus durchzuhalten. Und trotzdem ist er ein Musiker. Wie kann das sein?

Ich frage: „Wie klingt ein Elefant?“ Er spielt einen Elefantenrhythmus.

Ich frage: „Wie klingt eine Maus?“ Er spielt einen Mäuserhythmus, viel leiser als den des Elefanten.

Dann erzähle ich: „Es war einmal ein Elefant. Der lebte glücklich bei seiner Herde. Eines Tages machte er einen Ausflug. Es war ein langer Ausflug. Auf dem Weg begegnete ihm eine Maus. Der Elefant erschrak sehr …“

Und während ich erzähle, erzählt mein Sohn die Geschichte mit, auf seinen Bongos. Das ist Musik.

Darf man „Fußabdrücke“ falsch schreiben?

Soll ich ihm verbieten, Musik zu machen, bevor er weiß, wie lang eine Viertelnote ist?

Warum sollte ich dann meiner siebenjährigen Tochter verbieten, eine Geschichte zu schreiben, obwohl sie noch nicht weiß, wie man „Fußabdrücke“ richtig schreibt? Das forderte z.B. der Spiegel sinngemäß in seiner letzten Ausgabe „Die Rechtschreip-Katerstrofe“. Fehler beim Schreiben? Verboten! Allerdings wäre es dann auch so gut wie ausgeschlossen, dass meine Tochter auch nur einen Bruchteil der Geschichte geschrieben hätte, in der die Robbe Robbi ihre Familie aus der Gefangenschaft des Jägers befreit und dabei eine neue Freundin findet.

Meine Tochter ist Schriftstellerin. Übrigens auch Musikerin, Malerin, Bildhauerin, Tänzerin und Schauspielerin …

Wer hat die Kreativität verboten?

Deswegen schaue ich die Menschen immer etwas fassungslos an, wenn sie mir sagen: „Ich bin ja nicht so kreativ!“ Ich frage mich dann immer, wer ihnen verboten hat, kreativ zu sein.

Fangen Sie an und seien Sie kreativ. Pfeifen Sie auf die Regeln. Lernen Sie sie beizeiten, wenn Sie sie wirklich brauchen. Aber lassen Sie sich nicht von ihnen bremsen. Schreiben, malen, erschaffen Sie; und erzählen Sie Ihre Story … 

Übrigens: Sie sind auch ein Präsentierer!

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Was Hänschen nicht lernt…

So sieht es oft bei Schulreferaten aus. Weil die Lehrer selbst wenig von Präsentationen verstehen, lernen es die Schüler falsch.

Man sollte meinen, dass es in der Wissensgesellschaft zu unseren wichtigsten Fähigkeiten zählt, Ideen verständlich zu erklären und andere für seine Ideen zu begeistern. Ist aber offenbar nicht so, denn es sieht immer noch düster aus in der Ausbildung zum sog. Knowledge Worker. Dort, wo Kommunikation auf dem Lehrplan steht, werden die kommunikativen Fähigkeiten eher verdorben als verbessert. Das ist sogar eher schlimmer geworden, seit in den Schulen Referate mit PowerPoint gehalten werden.

Wer nicht selber denkt, wird verdorben

Schon zu unserer Zeit hatten Referate nichts mit guter Kommunikation zu tun. Im Gegenteil: es war immer eher eine Prüfungssituation und ging selten – eigentlich nie – darum, neue spannende Ideen in die Köpfe der Mitschüler zu pflanzen. Für die Lehrer waren die exakten Jahreszahlen und Fakten wichtiger, als den Schülern beizubringen, wie man die Klasse für ein Thema begeistert. Klar, Fakten kann man ja auch viel leichter prüfen.

An Uni und im Job wird es nicht besser. Weil es falsch vorgelebt wird, wird der Nachwuchs letztlich verdorben.

An der Uni ist es nicht besser. Zwar haben die Professoren und Betreuer wenigstens selbst recht viel Erfahrung im Schreiben und Präsentieren, aber die falsche. Sie machen es selbst nicht gut und sollen es dann anderen beibringen. Dabei kommt dann so etwas heraus wie die 1-7-7-Regel oder, dass man die wichtigsten Punkte auf einer Folie hervorheben soll (anstatt z.B. überhaupt nur das Wichtige drauf zu schreiben).

Wer danach noch nicht verdorben ist, wird spätestens im Unternehmen verdorben, wo man lernt, dass das schon immer so gemacht wurde, dass das so erwartet wird und dass ja schließlich die Präsentation auch Dokumentation und Handout sein soll.

Taugen die Lösungsansätze?

Erkannt ist das Problem schon lange. Die Lösungen überzeugen aber meist nicht. An den Schulen werden heute Präsentationen mit PowerPoint geübt – von Lehrern, die nicht wissen, worauf es dabei ankommt. Stattdessen bekommen die Schüler die ewig falschen Regeln eingebläut.

An den Unis gibt es, teils verpflichtende, Kurse zu Soft Skills – von denselben Professoren oder Assistenten, die auf Konferenzen und in Vorlesungen langweilige und unverständliche Vorträge halten.

Wir brauchen eine flächendeckende Grundausbildung in guter Kommunikation

Was wir brauchen, ist eine Ausbildung, die den Schülern, Studenten und Berufsanfängern beibringt, wie sie ihre Ideen klar kommunizieren und ein Publikum für ihr Thema begeistern; wie sie mit klarer Gestaltung Gedanken sichtbar machen und wie sie auch komplizierte Ideen in Klardeutsch erklären.

Wir brauchen eine flächendeckende Grundausbildung in guter Kommunikation. Nicht nur für die Schüler und Studenten, sondern auch für die Ausbilder.

Das geht nur mit echten Profis. Die HAWK Hildesheim ist da z.B. mit Anke Tröder seit Jahren Vorreiter. Auch an der Uni Osnabrück hat man das erkannt und in diesem Semester solch ein Programm gestartet, für das ich einen Lehrauftrag habe.

Das kann jedoch nur ein Anfang sein. Was wir brauchen, ist eine systematische Ausbildung. Und zwar nicht nur für die Schüler und Studenten, sondern auch – und gerade – für diejenigen, die sie ausbilden. Diese würden übrigens ganz unmittelbar auch persönlich in ihrem Job davon profitieren.

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