Bücherliste 2016: „The Anatomy of Story“ von John Truby

Warum fesseln manche Geschichten und andere nicht? John Truby gibt in seinem Buch „The Anatomy of Story“ Antworten.

Nach der Lektüre des Buches schaut man Filme mit anderen Augen. Mit einer Art Röntgenbrille. Man sieht durch die Handlung durch und erkennt das Gerüst, auf dem der Film steht. Man erkennt, warum das Drehbuch so und nicht anders konstruiert ist, wie die Handlungsstränge so verwoben wurden, dass sie am Ende alle zusammen laufen, warum die Nebenrollen genau so und nicht anders gewählt wurden. Wie Held und Gegenspieler zwei Pole der selben Sache sind.

Für Truby ergibt sich all das aus der „Prämisse“ des Filmes. Im Wesentlichen handelt es sich dabei um das Drehbuchäquivalent für das, was ich bei Präsentationen immer den Küchenzuruf nenne. Der eine Satz, der den ganzen Film auf den Punkt bringt. Aus dieser Prämisse leitet sich alles andere ab: Der Held, seine Schwächen, seine Gegner, die entscheidenden Handlungen, die Welt, in der die Handlung spielt usw.

Im Zentrum von Trubys Thesen steht das, was er „organische Geschichten“ nennt. Damit meint er Geschichten, die sich aus sich selbst heraus ergeben. Die zwar konstruiert sind, aber nicht konstruiert wirken, weil sich jede Entscheidung, die während der Konstruktion getroffen wird, aus der Prämisse und den vorherigen Entscheidungen ergibt. Weil z.B. nur dieser Held diese Herausforderung annehmen kann, oder dieser Held genau diesen Gegenspieler braucht, um sich seiner Schwächen bewusst zu werden und sie zu überwinden.

You construct a story from hundreds, even thousands, of elements using a vast array of techniques. Yet the story must feel organic to the audience; it must seem like a single thing that grows and builds to a climax. If you want to become a great storyteller, you have to master this technique to such a high degree that your characters seem to be acting on their own, as they must, even though you are the one making them act that way.

In this sense we storytellers are a lot like athletes. A great athlete makes everything look easy […] But in fact he has so mastered the techniques of his sport that his technique has simply disappeared from view, and the audience sees only beauty.

Um ein Drehbuch zu schreiben, das diesem Ziel gerecht wird, ist die wichtigste Entscheidung laut Truby gleich die allererste, die man überhaupt treffen muss. Und sie ist 1:1 übertragbar auf Präsentationen:

Step 1: Write Something That May Change Your Life

This is a very high standard, but it may be the most valuable piece of advice you’ll ever get as a writer. I’ve never seen a writer go wrong following it. Why? Because if a story is that important to you, it may be that important to a lot of people in the audience. And when you’re done writing the story, no matter what else happens, you’ve changed your life.

Besonders anschaulich sind die zahlreichen Beispiele, mit denen Truby seine Analysen an berühmten Filmen aufzeigt. Seine Empfehlungen sind durchaus konkret, aber doch allgemein genug, um nicht auf ein Genre oder gar auf Drehbücher beschränkt zu sein. Sie sind bestimmt, aber nicht dogmatisch.

Das Buch ist ein Arbeitsbuch. Die Zielgruppe sind Autoren. Für jemanden, der einen Leitfaden für seine nächste Präsentation sucht, ist es nicht zu empfehlen. Aber für diejenigen, die verstehen wollen, wie Spannung entsteht, wie ein befriedigender roter Faden gesponnen wird, für diejenigen, die über den Tellerrand ihres Faches blicken möchten und ein tieferes Verständnis für gute Geschichten suchen, für die liefert das Buch einen reichen, manchmal aber auch zähen, weil arbeitsreichen Schatz an Erkenntnissen.

Diese Erkenntnisse haben Vor- und Nachteile. Sie nehmen dem Vergnügen des Filmschauens ein wenig die Unbeschwertheit. Sie machen das Filmschauen bewusster. Sie nehmen den vermeintlich „unerwarteten“ Wendungen die Unschuld, weil man klar erkennt, wie sie konstruiert sind. Aber gleichzeitig machen sie die wahrlich schönen, spannenden, interessanten Filme noch faszinierender, weil man benennen kann, wie die Schönheit entsteht. Sie geben die Befriedigung, tiefer zu blicken und mehr in dem Film zu entdecken.

Stories don’t show the audience the “real world”; they show the story world. The story world isn’t a copy of life as it is. It’s life as human beings imagine it could be. It is human life condensed and heightened so that the audience can gain a better understanding of how life itself works.

Der Verdammt-so-mach-ich-es-ja-auch-ich-fühl-mich-ertappt-Effekt

„Haha, ja genau. Wie bei mir neulich. Gutes Beispiel.“ Ziemlich lustiger Vortrag ist das.

Obwohl … auch ein bisschen unheimlich. Der kennt mich doch gar nicht. Und doch weiß er, wie ich ticke. Hat er mir etwa über die Schulter geschaut?

Lustig ist’s, ja, aber je länger der Vortrag dauert, desto unbequemer wird’s auch, weil ich erkenne:

„Verdammt, so mach ich es ja auch. Ich fühl mich ertappt!“

Und das ist gut so. Denn erst wenn es unbequem wird, ändern wir etwas.

Unbequem wird es aber erst, wenn ich erkenne, was das mit mir zu hat: „Der meint ja mich! Der hat echt verstanden, worauf es ankommt.“

Sie sind der Augenöffner für Ihre Zuhörer – je konkreter, je lebensnäher Ihre Beispiele, desto mehr. So konkret, dass die Zuhörer sagen: „Verdammt, so mach ich es auch. Ich fühl mich ertappt!“

Warum haben Stories in Präsentationen einen schlechten Ruf?

„Das ist ja nur Marketing.“

Wenn es um Präsentationen mit Stories und großen Bildern geht, sind immer noch viele Menschen in Unternehmen, Behörden, Forschung und Entwicklung schnell mit diesem Urteil. Zu wenig Substanz, zu viel Gelaber, komm zum Punkt.

Wie kann das sein? Steht nicht in allen Präsentationsblogs, wie wichtig Storytelling ist und wie kraftvoll emotionale Bilder sind? Haben diese Meckerer es also einfach nicht verstanden? Leben sie noch im vorigen Jahrhundert, als man noch mit verkopften Präsentationen und überladenen Folien beeindrucken konnte? Werden schon sehen, wohin sie ihr Unternehmen mit dieser Präsentationskultur manövrieren, wenn links und rechts die Wettbewerber mit plakativeren Präsentationen an ihnen vorbei ziehen und die Menschen berühren.

Oder ist es gerade umgekehrt und wir Marketingleute haben nichts verstanden? Romantisieren über Emotionen, wo Wirtschaft und Wissenschaft von Zahlen und Fakten getrieben sind? Ist am Ende gar das, was vielleicht für Endkunden gilt, überhaupt nicht auf Kommunikation in und zwischen Unternehmen anwendbar? Business ist Business und da regiert der Kopf.

Ich glaube nicht. Aber ich glaube auch, dass der Ruf von Stories, Bildern, Zitaten, also allem, was dazu dient, die Präsentation „emotional aufzuladen“ zurecht so schlecht ist, wie er ist. Oft ist nämlich all das bloß aufgesetzt, über den Inhalt gestülpt als Deko, um „mehr Würze“ in eine Präsentation zu bringen, die sonst nicht schmecken würde.

Schon die Formulierung „emotional aufladen“ entsteht aber aus einem Missverständnis, genauso wie „Da muss noch mehr Würze rein“ oder „Wir brauchen noch einen Wow-Effekt“. Man kann nicht Würze zu einer Präsentation geben, wenn man mit Präsentieren bloß das Servieren meint, das Auftischen, nachdem die Suppe schon gekocht ist. Das Auge isst mit, ja, aber eine fade Suppe schmeckt trotzdem fad.

Wer mit seiner Präsentation Emotionen ansprechen möchte, der muss beim Kochen ansetzen. Der muss sich fragen, worin die Würze des Themas besteht.

Emotionalität entsteht, wenn ein Zuhörer erkennt, in welcher Weise er betroffen ist und warum gerade er gemeint ist. Ist er es nicht, hilft es auch nicht, dass es eine Story war, bei der er nicht gemeint war. Wenn ich eine schicke Illustration deswegen gestalte oder eine nette Anekdote deswegen erzähle, damit’s „nicht so langweilig“ wird, ist was faul.

Die Zuhörer sind zu recht sauer, wenn sie mir ihre Zeit schenken, weil sie mir Antworten zutrauen, die sie weiter bringen, und ich sie dann mit irgendeinem nett aussehenden Bild für dumm verkaufe. Als ob die das nicht durchschauen. Wer nur hübsch anrichtet, weil sonst auffällt, dass das Essen zu fad schmeckt, der wird von intelligenten Zuhörern durchschaut und hat ihr Misstrauen verdient.

Ich fahre immer besser, wenn ich das Publikum nicht für dämlich halte. Es ist respektlos zu glauben, man bräuchte nur ein bisschen Wow, um die Zuhörer im Sack zu haben. Substanz zählt tatsächlich. Gelaber nervt tatsächlich, auch wenn es in Stories und Bilder verpackt ist. Wenn sie Substanz haben und relevant sind, dann funktionieren Stories und Bilder. Sonst nicht.

Es geht gerade nicht darum, ein langweiliges Thema „emotional aufzuladen“. Es geht darum, sich ein emotionales Thema zu erarbeiten und dann akribisch herauszuschälen, worin genau die Emotionalität des Themas für die Zuhörer besteht. Warum glaube ich, dass die Zeit meiner Zuhörer gut investiert ist, wenn sie mir zuhören? Welches Aha-Erlebnis werden sie haben?

Wenn es um das Aha statt um das Wow geht, dann geht es automatisch um Geschichten. Dann ist die Präsentation die Story und die Zuhörer sind ihre Helden. Und sie werden nicht meckern, sondern die Story mögen, weil es ihre Story ist.

Der Konflikt zwischen vorher und nachher

Vor Ihrem Vortrag glaubt das Publikum etwas, danach etwas anderes. Erst wenn es einen fundamentalen Unterschied dazwischen gibt, dann gibt es auch einen Grund für Ihre Präsentation.

„Warum irren Sie mit Ihrer bisherigen Einschätzung der Lage?“

„Wieso ist mein Produkt anders als alles, was Sie bisher kennen?”

„Warum ist der Durchbruch, den wir mit dem neuen Algorithmus erreicht haben, bemerkenswert?”

„Was steckt wirklich hinter den Quartalszahlen?“

„Warum ist dieses Phänomen ein äußerst spannendes Forschungsthema?“

„Warum kommt es bei der Entscheidung für einen Zulieferer auf ganz andere Kriterien an, als Sie bisher dachten?“

„Warum müssen wir dringend die Strategie korrigieren, obwohl doch alle Kennzahlen blendend aussehen?“

Der Konflikt zwischen dem Vorher und dem Nachher ist die Basis für alles andere. Er bestimmt den Anfang und das Ende des Vortrags. Wo hole ich meine Zuhörer ab? Wohin muss ich sie bringen? Welche Hindernisse müssen wir dabei überwinden?

Ohne den Konflikt zwischen dem Vorher und dem Nachher gibt es keine Spannung, keine Dramaturgie, keine Emotionen. Warum sollten die Zuhörer zuhören, wenn alles so wäre, wie sie es vorher erwarten?

Erst wenn die Zuhörer nach dem Vortrag mehr wissen als vorher, lohnt die Zeit, die sie für’s Zuhören investieren.

Erst wenn die Zuhörer nach dem Vortrag verändert sind, lohnt sich die Zeit, die Sie in die Vorbereitung stecken.

Manchmal ist es bloß ein entscheidender Satz, der das Publikum ins Grübeln bringt. Aber die Veränderung muss stattfinden. Und sie gründet sich auf den Konflikt zwischen dem Vorher und dem Nachher.

Seltsame Welt, sinnvolle Präsentation

Menschen begegnen sich, Ereignisse geschehen, ohne dass jemand eine Absicht damit verband. Trotzdem haben wir gelernt, stets nach Motiven und Gründen zu fragen. Erzählt uns jemand eine Geschichte, fragen wir: „Warum hat er das gemacht?“ oder „Was will sie damit erreichen?“ – selbst dann, wenn es gar keine sinnvolle Antwort darauf gibt.

Was uns jemand erzählt, muss Sinn ergeben.

Die Herausforderung bei Präsentationen: aus einer seltsamen Wirklichkeit eine sinnvolle Erzählung zu machen. Präsentationen handeln von der Wirklichkeit, sind aber selbst Erzählungen. Auch wenn das Ausgangsmaterial seltsam ist, soll die Präsentation darüber Sinn ergeben. Je besser das gelingt, desto überzeugender ist die Präsentation.

Was es nicht einfacher macht: Jeder Zuhörer hat seine eigene Vorstellung davon, was sinnvoll ist, und findet Gründe und Motive, die zu seinem Weltbild passen. Deswegen muss ich als Vortragender nicht nur eine Geschichte erzählen, die sinnvoll und wahrheitsgemäß ist, sondern eine, die sinnvoll aus der Perspektive des Zuhörers ist.

[Originalfoto: SAN_DRINO, Lizenz: CC-BY]

Interessante Bücher, die ich in 2015 gelesen habe – III. The Story Grid

The Story Grid, What Good Editors Know

von Shawn Coyne

You must know what your reader is expecting before you can possibly satisfy her. And yes, if you are writing a Story, you must think of your audience. A Story means nothing if it is not experienced.

Shawn Coynes Beruf ist es, Bücher zu Bestsellern zu machen. In seinem großartigen Buch „The Story Grid“ verrät er, nach welchen Kriterien er dabei vorgeht, wie er ein Buch bewertet und verbessert. Sie ahnen, dass das erheblich über die Heldenreisen-Folklore hinaus geht, die inzwischen fast schon Allgemeinbildung geworden ist.

Coyne meint es ernst. Das Buch ist unterhaltsam und gespickt mit Stammtischwissen, doch am meisten werden die profitieren, die ernsthaft ihre Stories verbessern möchten. Es ist keine Strandlektüre, sondern ein Fachbuch für Menschen, die es ebenso ernst meinen mit ihren Stories und verstehen möchten, warum manche Stories ein Millionenpublikum fesseln und manche (die eigenen?) gähnend langweilig sind. Coyne scheut sich nicht, in die Tiefe zu gehen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass sich das Buch nur für Romanautoren lohnt. Im Gegenteil. Denn Coyne hat natürlich recht, wenn er schreibt:

If you have no sense of Story when making a documentary, you are in deep trouble.

Klar ist seine Methode auf Romane und Kurzgeschichten zugeschnitten, aber sie funktioniert gleichfalls für Sachthemen, Dokumentationen oder eben Präsentationen. Auch dort weckt man die Neugier des Publikums mit einem „Inciting Incident“, einer unerwarteten Erkenntnis und führt das Publikum unerbittlich bis zum Point of no Return, dem Punkt an dem das Publikum vor der Entscheidung steht, weiter zu machen wie bisher oder den Ideen aus dem Vortrag zu folgen. Jede Story, auch Ihre Präsentation, profitiert davon, wenn sich das Publikum als Held der Story identifiziert und die inneren Konflikte und Zwiespalte nachvollziehen kann, die zu einer Entscheidung führen.

Warum dieses Prinzip funktioniert? Weil wir darauf gepolt sind, uns in andere Menschen hineinzudenken, so wie eben in die Helden guter Stories:

There is nothing more powerful in a Story than having a lead character desperately pursuing something. The reader or viewer cannot help but attach himself to that character because he has objects of desire too. If the lead character in a Story gets what he wants, our brains are wired to believe that we can too.

Story Grid ist zugleich ein sehr theoretisches wie sehr praktisches Buch. Nicht jeder wird sich durchwühlen wollen, aber wer es tut, findet darin eine praktisch sehr gut anwendbare Methode, mit der er seine Story, ob fiktional oder nicht, auf Herz und Nieren prüfen und verbessern kann.

Für mich das interessanteste Buch 2015.

PowerPoint Morph

Das war lange überfällig. Microsoft liefert in den nächsten Wochen mit PowerPoint Morph seine Version von Keynotes Magic Move-Folienübergang. Um Veränderungen zwischen zwei Folien zu animieren, berechnet PowerPoint dann selbst, wie sich die Objekte von der ersten Folie zu ihrem neuen Ort auf der zweiten Folie bewegen und/oder verändern müssen. Das spart viel Arbeit genau in den Situationen, in denen Animationen am nützlichsten sind. Microsoft selbst hat in diesem Video zwei gute Beispiele gezeigt.

Morph ist zunächst nur für Office Insider auf Windows-Systemen verfügbar, wird dann aber schrittweise auf alle Plattformen, auf denen PowerPoint verfügbar ist, erweitert, allerdings nur für Abonnenten von Office365.

Braucht man überhaupt Morph-Animationen?

Animationen sind selten notwendig – wie ja auch PowerPoint selbst selten notwendig ist. Wenn der rote Faden nicht stimmt, rettet ihn Technik nicht, erst recht nicht Animationen. Oft sind Animationen bloß Deko, die für Abwechslung sorgen sollen, die jedoch in Wahrheit das Publikum nur unnötig ablenken. Wenn ein roter Faden nicht ohne Animationen funktioniert, wird er durch Animationen normalerweise nicht gerettet. Aber wenn der rote Faden stimmt, dann können Animationen an den richtigen Stellen das Verständnis des Publikums erleichtern.

Welche Animationen aber sind nützlich? Die, mit denen ich gezielt Blicke lenken kann und die, mit denen ich Zusammenhänge klarer zeigen kann, als ich sie mit Worten beschreiben könnte, z.B. die Zerlegung eines Ganzen in seine Bestandteile, oder wie ein Detail im Kontext des großen Ganzen einzuordnen ist oder ein Detail, in das ich hineinzoome, um es analysieren zu können.

Bislang war es oft recht aufwändig, solche Animationen in PowerPoint zu gestalten. Mit Pfadanimationen, Skalierung o.ä. kann man so etwas manuell zusammenschustern, braucht dafür aber bisweilen Dutzende ineinandergreifende Einzelanimationen und entsprechend viele Klicks. Mit Morph geht es auf einen Klick, wenn man Anfangs- und Endzustand der Animation gestaltet. Das spart Zeit. Und genau das ist der Sinn von guten Werkzeugen. Unkreative Arbeiten so einfach wie möglich zu machen.

Ist PowerPoint jetzt das neue Prezi?

Ist aber diese Art von Animationen, bei denen ich in ein Detail hineinzoome nicht die Domäne von Prezi? Kann ich dann nicht gleich auf Prezi umsteigen?

Nein, denn Morph ist viel flexibler als Prezi. Prezi zwingt mich dazu, alle Inhalte auf einer großen Fläche anzuordnen. Das kann dann sinnvoll sein, wenn die räumliche Anordnung dieser Inhalte einen inhaltlichen Sinn ergibt, z.B. weil die Inhalte tatsächlich eine topographische Bedeutung haben wie etwa bei einem Maschinenbauplan, oder weil die topographische Anordnung etwas über die Beziehung der Inhalte untereinander verrät, etwa wenn man über „benachbarte“ Konzepte einer wissenschaftlichen Theorie spricht.

Oft jedoch gilt das gerade nicht. Dann ist gerade die Anordnung auf einer Fläche das, was die Präsentation unruhig macht, weil der Übergang in Prezi immer animiert werden muss, oder – schlimmer noch – er verwirrt sogar, weil die Anordnung keine inhaltliche Bedeutung hat. Das macht es gerade so schwer, Prezis konzeptionell sauber und inhaltlich angemessen zu gestalten.

Ein didaktisch nachvollziehbarer roter Faden darf auch mal springen, z.B. weil ich in der Zeit zurückspule oder nach vorne springe oder weil ich eine alternative Sichtweise erläutern möchte. Dafür ist es nicht notwendig, manchmal sogar „schädlich“, über eine Fläche zu zoomen. Ein einfacher Szenenwechsel ohne jede Animation wäre angemessen – so wie es im Fernsehen bei der überwältigenden Zahl der Filmschnitte gemacht wird. In Prezi ist das nur rudimentär vorgesehen und daher schwer bis unmöglich umzusetzen. In PowerPoint ist ein harter Schnitt leicht, weil es gerade dem Folienparadigma von PowerPoint entspricht.

Umgekehrt ist es mit PowerPoint Morph möglich, die Illusion einer großen Fläche wie bei Prezi zu erzeugen, ohne dass sie tatsächlich vorhanden wäre. Diese Illusion jedoch reicht. Es ist gar nicht notwendig, dass die Inhalte in meinem Werkzeug tatsächlich räumlich angeordnet sind. Der Betrachter muss, wenn es denn dem Verständnis dienlich ist, lediglich den Eindruck gewinnen, dass sie es sind – genau wie in einem guten Film die Schauspieler nicht im realen Leben verliebt sein müssen, um dem Publikum die Illusion eines verliebten Paares zu vermitteln.

Gleichzeitig liefert die Morph-Animation aber auch die Möglichkeit, beim Szenenwechsel die Szene zu verändern, so wie bei dem Planetenbeispiel in Microsofts Video. Ich muss auch nicht alles final nebeneinander anordnen, sondern kann etwas sich schrittweise entwickeln lassen, indem ich teilweise herauszoome, dabei neue Gegenstände ins Bild hole, andere verändere usw.

Insofern ist Morph in vielen Fällen sowohl das mächtigere als auch für Benutzer das konzeptionell einfachere Werkzeug.

Natürlich gilt, was für alles gilt, was auf der Leinwand passiert: Es sollte nicht vom Sprecher ablenken, wenn das nicht gezielt gewollt und didaktisch sinnvoll ist.

Die Welten in Ihrem Kopf

Sie können keine Geschichten erzählen, weil Sie nicht so viel Fantasie haben? Hm, mal sehen …

Denken Sie an einen Menschen.

Ist es eine Frau oder ein Mann? Wie alt? Welche Haarfarbe? Was hält er in der Hand? Ist er allein?

Ist es morgens oder abends?

Woran denkt er? Freut er sich auf etwas? Oder bedrückt ihn etwas? Was? Wie kam es dazu?

Was tut er als nächstes? Warum? Was möchte er erreichen? Auf welches Ziel arbeitet er hin? Was hindert ihn daran? …

Inzwischen dürften Sie eine ganze Welt in Ihrem Kopf erschaffen haben. Meine Welt ist es nicht, sondern Ihre. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, wie Ihre Welt aussieht. Sie steckt in Ihrem Kopf. Um Sie zu erschaffen, genügten ein paar Fragen.

Natürlich haben Sie genügend Fantasie, um Geschichten zu erzählen. Sie sind es vielleicht nur nicht gewöhnt, sie zu erforschen.

Wie tief darf man in die Details eintauchen?

Sie können so tief in die Details eintauchen, wie Sie wollen. Sie müssen nur vorher das Publikum neugierig machen zu folgen.

Glauben Sie, dass die chemische Zusammensetzung der Metalllegierungen wichtig ist? Machen Sie mich neugierig darauf, damit ich es auch glaube. 300 Jahre zurück in der Geschichte der Philosophie? Spannen Sie den Bogen so, dass ich spüre, warum wir dorthin gehen. Die Komplexität von Sortieralgorithmen? Fasziniert mich nach Ihrem Vortrag vielleicht genau so wie Sie.

Niemand hat etwas dagegen, wenn er in Ihrem Vortrag etwas lernt, das er vorher nicht wusste. Ganz im Gegenteil. Aber er braucht das Gefühl, dass die Zeit, die er Ihnen schenkt, gut investiert ist, z.B. weil er etwas nützliches lernt.

Nur weil das Publikum manches in Ihrer Präsentation nicht erwartet hätte, heißt das nicht, dass es nicht hinein gehört.

Der Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt

Mein Leben oder seines, Job oder Liebe, Aufmucken oder ewiger Loser, Handeln oder Ertragen … Gute Geschichten erkennt man u.a. daran, dass sie den Protagonisten Schritt für Schritt, aber unvermeidlich in eine Lage bringen, in der er eine Entscheidung treffen muss, die sein Leben für immer verändert, egal wie er sich entscheidet.

Shawn Coyne schreibt in seinem Autorenratgeber The Story Grid – What Good Editors Know, was gute von schlechten Geschichten in diesem Punkt unterscheidet (Hervorhebung von mir):

Ask yourself the simple question…how difficult would it be for my character to reverse his decision? Could he go back to his old life without any repercussions? A few repercussions? Or is there no turning back? You’ve hit the Point of No Return when no matter what decision the character makes, he will be irrevocably changed by the experience. If he does one thing, he’ll put himself in great danger (either physically or psychologically) and if he doesn’t, he’ll be tormented by his inaction, incapable of functioning the way he used to.

Hier ist eine Herausforderung für Sie:

Vorausgesetzt, dass sich Ihre Präsentation ehrlich mit den Bedürfnissen oder Problemen Ihres Publikums beschäftigt, bringen Sie es denn auch zum Point of No Return? Bringen Sie es mit Ihrer Story, mit Ihrer Argumentation Schritt für Schritt, aber unvermeidlich an den Punkt, an dem es eine Entscheidung treffen muss? Argumentieren Sie so zwingend, dass das Publikum nach Ihrer Präsentation gedanklich an einem Punkt ist, an dem es, egal welche Entscheidung es jetzt fällt – z.B. Ihrer Empfehlung zu folgen oder weiter zu machen wie bisher – unwiderruflich verändert ist? Haben Sie Ihre Sache so zwingend dargelegt, dass Ihr Publikum versteht, welche Konsequenzen sein Handeln oder Nichthandeln hat?

Das setzt natürlich voraus, dass Sie eine Sache haben, für die es sich zu präsentieren lohnt; dass Ihr Thema nicht banal ist; dass es einen wahren Grund gibt für Ihre Präsentation, der etwas mit dem Leben Ihres Publikums zu tun hat.

Aber wenn es diesen Grund gibt, und wenn Sie es schaffen, dass Ihr Publikum sich in Ihrer Präsentation wiedererkennt, dann sollten Sie alles daran setzen, um es auch zum Point of No Return zu bringen.

Spread the Word

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on pinterest
Dr. Michael Gerharz

Dr. Michael Gerharz